"Besser als Betty Heidler? Da musste ich erst einmal schlucken!"

Bild: Privat

Diese junge Dame ist der Hammer: Neele Koopmann (16) aus dem Wendland gilt als riesiges Talent. Die beste Hammerwerferin ihres Jahrgangs in ganz Deutschland wechselt jetzt nach Berlin, um ihrer Karriere weitere Anschubkraft zu verleihen. Koopmanns Weiten sind sogar besser als die ihres großen Vorbildes Betty Heidler im vergleichbaren Alter.

von Andreas Hardt, Medienmannschaft

Ende August: Der Umzug. Was nimmt man mit beim Schritt in ein neues Leben? Bücher, Teddy, Fotos, Lieblingsmöbel? Nichts davon, um gleich ganz von vorne zu beginnen? Mit ihrer Mutter ist Neele Koopmann nach Berlin gereist, um ihr Einzelzimmer im Schulinternat des Schul- und Leistungssportzentrums Berlin einzurichten. Es geht also wirklich los. Raus aus dem beschaulichen Wendland, hinein in die sprudelnde Weltmetropole Berlin. Alles, um im eigenen Sport weiter voranzukommen. Ein Karriereschritt, ein Lebensschritt für die 16 Jahre alte Hammerwerferin, die sich mit 68,29 Metern mit dem Drei-Kilo-Hammer zur besten deutschen Athletin in der Altersklasse U18 entwickelt hat und schon 2016 deutsche U16-Meisterin war.


„Meine Möglichkeiten in Berlin sind ganz andere, die Trainingsbedingungen sind vielfältiger“, weiß Neele Koopmann, „ich werde dort auch mehr für Schnellkraft und Sprint trainieren, zweimal in der Woche Physiotherapie haben, Leistungsdiagnostik ist vor Ort – und ich trainiere mit meinem Bundestrainer Ron Hütcher“. Das ist Leistungssport in einem professionellen Umfeld. Neele Koopmann ist zu gut geworden für den SV Gartow, auch wenn sie weiterhin für den Club aus dem äußersten Osten Niedersachsens starten wird.


In einer Kinder-Leichtathletikgruppe ihres ehemaligen Trainers Siegfried von der Gablentz hat alles einmal angefangen, da war die kleine Neele gerade eingeschult. Spielen, Tollen, Ausprobieren – was man so macht. Aber Neele, die warf schon damals den Schlagball weiter als die anderen. Und irgendwann gab ihr der Trainer den Hammer in die Hand. Es entwickelte sich mit viel Arbeit, Fleiß und Training ein Naturtalent. „Ich hatte früher keine Ahnung was Hammerwerfen ist“, erzählt Mutter Susanne Koopmann durchaus stolz, „und jetzt durfte das eigene Kind zur WM fahren, es ist total faszinierend“. Durfte, ja – aber sie fuhr nicht. Mitte Juli sollten die Welttitelkämpfe der U18-Athleten in Nairobi/Kenia stattfinden. Neele war nominiert, da braucht man im Vorfeld Spritzen gegen diverse Tropenkrankheiten. Und schon war der Traum von der WM geplatzt. Die Injektionen haben wahrscheinlich eine Nervenerkrankung hervorgerufen. „Es ist so, als ob meine Eiweiße gefressen werden.“ Statt WM also Pause – und dann Reha. „Das war schon sehr hart und eine große Enttäuschung.“


Andererseits geht nun der Blick um so konzentrierter in die Zukunft. Im kommenden Jahr findet die U18-EM im ungarischen Györ statt. Eine Schutzimpfung braucht man da nicht. Aber Ehrgeiz und den Willen, im Sport voranzukommen. „Ich habe mich für diesen Schritt jetzt entschieden, habe ihn mir gut überlegt“, erzählt sie, „ich werde das jetzt durchziehen.“ So, wie sie es immer getan hat. Tägliches Training ist normal, Krafttraining kam vor einem Jahr dazu. Ihre Schule in Clenze, die sie nun nach der neunten Klasse verlässt, hat die junge Athletin immer unterstützt: Freistellungen für Wettkämpfe und Lehrgänge gab es regelmäßig, auch Klassenarbeiten durfte sie nachschreiben. An ihrer Disziplin liebt Neele Koopmann, dass diese sehr technisch und schnell ist. „Man muss auf viele Kleinigkeiten achten. Es ist etwas ganz Besonderes und macht einfach Spaß.“


Dass die Trennung vom langjährigen Trainer von der Gablentz keine einfache Entscheidung war, dass es dabei auch zu großer menschlicher Enttäuschung gekommen ist, ist verständlich. Eine harte Zeit im Frühjahr war das, für alle Beteiligten. Aber sportlich gibt es wahrscheinlich wirklich keine Alternative, die Trainingsbedingungen in Gartow waren einfach nicht mehr ausreichend.  „Als mir der leitende Wurf-Bundestrainer Jürgen Schult im April gezeigt hat, dass ich bei den Weitenvergleichen deutlich über den Werten von Betty Heidler im gleichen Alter liege“, sagt Neele Koopmann. BETTY HEIDLER, die ehemalige Weltrekordlerin. „Mein großes Vorbild seit der Kindheit. Da musste ich erst einmal schlucken.“ Der Vergleich zeigt aber auch die Möglichkeiten, die sie hat.
In Berlin wird die Wendländerin aus dem kleinen Dörfchen Bockleben nun regelmäßig mit den B-Kaderathletinnen Carolin Paesler und Charlene Woitha trainieren und sich gleichzeitig an der Oberstufe des Sportgymnasiums auf ihr Abitur vorbereiten. Die junge Athletin freut sich auf die neue Herausforderung, auf das neue Leben – und sie weiß auch, dass ihre Mutter sagt: „Wenn es ihr nicht gefällt, dann kann sie jederzeit nach Hause zurückkommen.“ Aber das ist für Neele Koopmann keine Option.