An der Seitenlinie zuhause

Quelle: Frank Molter

Simon Werner und Sven Trimborn sind Jugendfußballtrainer mit Leib und Seele.

Nach 20 Sekunden steht es 2:0 für den Gegner. Einmal haben sie gepennt gleich nach dem Anstoß, dann landet ein abgefälschter Ball im eigenen Netz. „Werdet mal wach!“, ruft Trainer Simon Werner aufs Spielfeld. Könnte nicht schaden, auch wenn der Anstoß in der Mittagszeit lag.

Wach wird an diesem Samstag im Hamburger Nordwesten keiner seiner zehn Jungs aus der jungen F-Jugend des SV Grün-Weiss Eimsbüttel so wirklich. Eher noch schläfriger. Am Ende steht es 3:11. Simon Werners Freund und zweiter Trainer der Sieben- und Achtjährigen, Sven Trimborn, hat vom Rand aus noch freundlich gelobt, was so gerade noch zu loben war und versucht, sich nicht über den lauten und dominanten Trainer der Heimmannschaft aufzuregen, der pausenlos aufs Feld brüllt und seine Spieler anweist.

Hinterher versammeln die beiden ihre enttäuschten Spieler und versuchen, ihre Kritik angemessen zu verpacken. Ein ziemlich verdorbener Vormittag. „Ich bin nach so einem Spiel einfach sauer, enttäuscht“, sagt der 38 Jahre alte Werner, „ich überlege mir aber schnell auch, woran es gelegen haben könnte. Habe ich vielleicht zu viel gesabbelt in der Kabine?“ Frust. Das ist auch beim vier Jahre jüngeren Trimborn nicht anders: „Es sieht vielleicht nicht so aus, aber ich bin das ganze Wochenende total angefressen nach einem blöden Spiel, wenn der Gegner nur mit kick and rush gewinnt.“

Fast fünf Jahre haben die Freunde schon gemeinsam an der Seitenlinie und beim Training verbracht, als sie die G-Jugend des Hamburger Vereins SC Victoria von 2010 an bis hoch zur alten E-Jugend begleiteten und aus ihr eine Spitzenmannschaft formten. Nach ein paar Überlegungen ging dann im März 2016 alles von vorn los – bei GW Eimsbüttel, einem kleinen Klub, bei dem Werner einst in der Jugend im Tor stand. Er hat drei Kinder, und seinen jüngeren Sohn nahm er in die neue Mannschaft mit. Trimborn hat auch Familie mit zwei Kindern. Wann immer möglich, leiten die beiden die Trainings zusammen, sind bei Spielen und Turnieren beide anwesend. Sie bekommen dafür: nichts. Nicht einmal eine Aufwandsentschädigung.

Beim Training fressen ihnen die Kinder aus der Hand. Werner und Trimborn lassen sehr viel „Funino“ trainieren. Das ist eine Kleinfeldform mit dem Spiel drei gegen drei auf vier Tore. Hinzu kommen koordinative Übungen und immer wieder das Eins-gegen-Eins, Dribbeln, Tricksen, Zweikämpfe. „Unsere Kinder können gut Fußball spielen, aber sie trauen sich noch nicht so viel. Sie sind einfach sehr lieb. Aber Fußball ist nun einmal ein Kontaktsport“, sagt Trimborn. Fast immer, wenn die Gegner es mit dem Kontaktsport wörtlich nahmen, setzt es Niederlagen. Beim Üben auf dem Kunstrasenplatz hinter den Hochhäusern wird gescherzt, gelacht und auch mal geweint. Alle lechzen nach Lob und Aufmerksamkeit. Die Jungen haben viel Respekt vor ihren Trainern. Und das muss so sein. Denn den beiden ist es bei aller Freude durchaus ernst. Trimborn sagt: „Wir wollen Leistungssport betreiben, der Spaß macht.“ Wer nur ein bisschen kicken will, ist bei ihnen falsch. Werner sagt: „Wir wollen keine Bundesligatrainer werden. Wir wollen die Kids fördern. Aber mit Anspruch und Niveau. Dabei gehören Fehler zur normalen Entwicklung des Kindes.“ Es hilft ihnen sehr bei der Arbeit mit der Mannschaft, dass sie beide selbst Väter sind.

Sie wollen einen gepflegten Fußball, der – etwas hoch gegriffen – der Spielidee der Nationalmannschaft folgt. Das heißt: Der Ball wird hinten heraus gepasst. Der Torwart rollt den Ball ab oder passt ihn. Es soll nicht nach vorn gebolzt werden. Zeitspiel ist verpönt. Tore mit der Pieke sind unerwünscht. Doch mit dem planvollen Spiel ist das so eine Sache bei Siebenjährigen. Es fehlt an Passhärte und Passgenauigkeit, und die meisten Gegentore resultieren aus der Fehleranfälligkeit im Aufbau. Simon Werner sagt: „Wir sind früher belächelt worden wegen unsere Art, alles spielerisch zu lösen. Aber das zahlt sich später aus. Es ist doch eine Ausbildung zum Fußball, keine zum Ergebnissport.“ Was hält die beiden Familienväter in ihrem Ehrenamt? Samstagsmorgens um 08.15 Uhr irgendwo im Speckgürtel Hamburgs, sonntags zur Mittagszeit in einer stickigen Schulturnhalle, den ganze Winter über bei Wind und Wetter draußen im Training? „Ich bin mit dem Fußball aufgewachsen. Ich finde es toll, Kindern etwas beizubringen“, sagt Simon Werner. „Sie schauen zu dir auf, sie wachsen dir ans Herz.“ Sein Freund und Kollege Sven Trimborn sagt: „Weil es uns Spaß macht. Wir haben Fußballerblut im Körper. Wir leben dafür.“ Es klingt kein bisschen kitschig.